Ein Schein, der trügt
Warum ich einen Presseausweis verweigere.
Kommentar von Oliver Grimm. Illu: P.Dimitrova

Oliver Grimm über die Verluderung seiner Branche
Ein Presseausweis war nicht erforderlich - ebenso wenig, wie ein solcher Zugang zum Jahrestreffen von Weltbank und Internationalem Währungsfonds in Washington verschafft. Da muss man sich gesondert akkreditieren. Ebenso wie für die Institutionen der EU in Brüssel.
Wozu also braucht man in Österreich einen Presseausweis? Um sich auf allerlei Weisen bestechen lassen zu können. Vom Gratiseintritt in Bäder und Museen bis zum billigeren Handytarif reicht die Liste der Vergünstigungen, um die man nicht einmal bitten muss. Presseausweis zücken reicht.
Wie viele Inhaber solcher Scheine sich wohl kostenlose Theaterkarten heraus bedingen, den Gratiseintritt in ein Popkonzert oder das wohlwollende Wegschauen eines Verkehrspolizisten? Ich will es lieber nicht wissen.
Es ist löblich, dass das Kuratorium für Presseausweise, also der Zusammenschluss von Verlegern und Journalisten verbänden, sich seit einiger Zeit verstärkt darum kümmert, dass nur echte Journalisten den echten Presseausweis erhalten.
Das ändert aber nichts daran, dass sich an diesem Schein, an all den Annehmlichkeiten, die er seinem moralisch biegsamen Inhaber zu verschaffen vermag, die tiefe Verluderung eines großen Teils der Branche manifestiert, in der ich arbeite und die ich liebe. Zur Bestechung gehören schließlich immer zwei: Einer, der besticht. Und einer, der sich bestechen lässt.
Oliver Grimm ist Redakteur der Tageszeitung „Die Presse“.
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